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Erlebnisberichte nach einer Abtreibung 2017-09-22T01:58:41+00:00

Im Jahr 1966, als mein Sohn gerade ein Jahr alt war, habe ich durch meine Hebamme eine Abtreibung vornehmen lassen.
Dies war letztlich Jahre später, die mir viel abverlangten, der Grund, warum ich den Verein „Hilfe für Schwangere“ gegründet habe.
Am 4.4.2017 bin ich zum Gynäkologen gegangen, weil ich eine Veränderung meiner Brust bemerkte. Es gab bereits zwei Probeentnahmen vor etlichen Jahren, die jedoch immer gutartig waren. Der Gynäkologe war skeptisch und meinte, es müsste auf jeden Fall eine Mammographie gemacht werden, um mit Sicherheit auszuschließen, dass es nichts Bösartiges ist. Ich bekam einen Termin zur Mammographie zum 21.4.

Die Zeit bis dahin war extrem quälend für mich. Ich habe mir alle möglichen Szenarien vorgestellt und auch die Frage aufgeworfen: „Was wird aus meinem Mann, wenn sich das Bösartige bewahrheitet?“ In diesem Zusammenhang war plötzlich meine Abtreibung aus dem Jahr 1966 glasklar wieder in meinem Kopf vorhanden. Ich habe mich gefragt: „Ist das jetzt eine Bestrafung für das, was ich im Jahre 1966 getan habe?“ Ich war sehr verzweifelt und habe nicht gewagt, mich jemandem anzuvertrauen. Als am 21.4. dann das erlösende Ergebnis vorlag, konnte ich wieder durchatmen. Erst danach habe ich über meine Ängste sprechen können.

Daran sah ich, dass ein solches Ereignis NIE aus dem Kopf verschwindet. Ich bin sicher, dass mir längst VERGEBEN wurde. Aber ein VERGESSEN wird es NIE geben.

(Elke)

Eine Abtreibung ist das Ende einer BeziehungEine 49-jährige Frau schildert, wie eine Abtreibung das Ende ihrer Ehe eingeläutet hat. Kurz nach Ostern 2008 reichte sie die Scheidung ein.
„Eine Abtreibung ist das Ende einer Beziehung. Das haben mir nahezu alle Frauen bestätigt, mit denen ich darüber gesprochen habe. Erschrocken hat mich dabei der hohe Anteil der Fälle zu diesem Tabuthema.
Fatal ist, dass einen niemand über die psychologischen Folgen aufklärt; nur über die medizinischen Tatsachen redet man. Da kommen Assoziationen zum Schlachthof hoch, steril, sauber eliminierend, und ohne Schreie – zumindest hörbare, die Seele hat leise Töne.
Dieser unglaubliche Akt von Gewalt: Ja, nicht nur gegenüber dem Ungeborenen, sondern auch gegenüber sich selber.
Das werdende Leben in mir; ich, das werdende Leben, es sollte einfach nur weg. Eine beispiellose Missachtung des Frauseins. Was ist das für eine Gesellschaft, die lieber Argumente gegen Kinder findet, als dass sie Kinder unterstützt?Materieller Wohlstand gegen ein Kind?Vor der Abtreibung war ich noch in Bayreuth zu den Festspielen. Ich hatte keine Lust zu dieser Reise. Mir war einfach nur übel, am Vorstellungstag besonders. Wie kann man sich amüsieren und hinterher so ein Schritt?
Meine Seele schrie. Er, mein Mann, war nur stolz, endlich die Karten zu haben.Sachzwang gegen Seelendrang

Von der Opernvorstellung in Bayreuth ist gar nichts hängengeblieben, ich weiß nicht einmal mehr, was gespielt wurde. Und dann auf der Rückfahrt diese Diskussion:
Sagt mein Mann: ‚Wenn du schon narkotisiert bist, kannst du dich ja auch gleich sterilisieren lassen.‘ Der Grund zur Narkose zählt gar nicht?
Und überhaupt, ich hatte zehn Jahre die Pille geschluckt, drei Kinder geboren und jetzt die Abtreibung. Ich habe genug mit meinem Körper bezahlt. Wenn Sterilisation, dann ist er jetzt an der Reihe, einen körperlichen Beitrag zu leisten.
Das käme überhaupt nicht in Frage, die Option wolle er sich offen halten. Nach kurzer Diskussion noch einmal dieser Satz: Er will kein Kind mehr von mir, aber vielleicht noch einmal von irgendeiner anderen???
Als der Eingriff geschehen war, wurde ich abends zu Hause mit einem Blumenstrauß begrüßt.

2.000 DM gegen ein Kind?

Wie gut, sagte er, dass meine Eltern da gewesen wären. Der Tag hätte ihm 2.000 DM gebracht. Kein Gefühl von Trauer oder Verlust. 2.000 DM gegen ein Kind.
Unglaublich. Ich war so fassungslos, dass ich ihm nicht einmal die Blumen vor die Füße feuern konnte. Wir hatten drei kleine Kinder, und ich war ziemlich kraftlos, der einzige Grund, weshalb ich blieb.“

(Clara)

Seit einiger Zeit bin ich im Krankenhaus tätig. Ich bin Rettungsassistent und war lange auf der Straße mit dem Rettungswagen unterwegs. Da war es meine Aufgabe, Menschen zu retten, Leben zu bewahren.

Als ich meinen Dienst in der Klinik begann, bin ich davon ausgegangen, dass es auch im Krankenhaus so ist. Menschen, die dort sind, sollen geheilt werden.

Ich habe als Rettungsassistent die Aufgaben eines Intensiv-Transportpflegers. Es gehört zu meinen Tätigkeiten, sedierte Kinder, Frauen und Männer in den OP- Bereich zu bringen, oder sie nach der OP zu empfangen und auf ihre Station zu bringen. So habe ich schon unzählige Menschen aus ihrer Narkose aufwachen sehen.

Nach einiger Zeit beobachtete ich, dass einige Frauen, ganz anders als andere Menschen beim Aufwachen reagierten. In der Regel erwacht der Patient entspannt und ruhig.

Diese Frauen blickten mich und andere Schwestern / Pfleger gar nicht an, sondern starren an die Wand oder an die Zimmerdecke, sie wirken verkrampft und versteinert. Viele weinen, betasten ihren Bauch und sehen an dem Pflegepersonal vorbei. Auf der Station wird der Besucher oder Partner versteinert empfangen. Der Blick der Patientin ist starr und hohl und niemals auf ihr Gegenüber gerichtet, sondern an die Wand oder Fenster. Die Augen sind tot. Der Gang der Frau ist stelzig und steif, ähnlich wie eine Schaufensterpuppe. Die Gesichtsfarbe ist blass.

Die männliche Begleitpersonen, die die Frau gebracht hatten, sind in der Regel verschwunden. Zuerst fragte ich die Ärzte: „Was habt ihr denn mit diesen Frauen gemacht?“ Erst nach einiger Zeit begriff ich, dass es sich bei diesen Frauen um einen Abtreibungseingriff gehandelt hatte. Die Ärzte, auf diese Beobachtung angesprochen, sagten, sie helfen den Frauen.

Viele Diskussionen mit Krankenschwestern und Ärzten folgten. Da ich nun weiß, dass im Krankenhaus Abtreibungen durchgeführt werden, lehne ich es aus Gewissensgründen ab, diese Frauen in den OP zu bringen.

„…Habe den anfänglichen Schock wegen der Abtreibung wohl überwunden. Aber immer wieder spüre ich ein wenig Trauer. Und das ist wirklich eine schlimmere Trauer als die, die ich bisher in meinem Leben kennengelernt habe – und da habe ich einiges erlebt!
Weil man sooo hilflos ist, nichts dagegen machen kann. Man weiß, dass es wirklich und unveränderlich so bleiben wird und ich da keinen Einfluss darauf hatte. Mein Sohn war mit seiner Freundin kurzzeitig auseinander, nun sind sie aber wieder zusammen.
Sie ist seit der Abtreibung sehr anstrengend, eifersüchtig und bestimmend. Vielleicht hat sie Verlustängste, also Hannes auch noch zu verlieren. Vor kurzem schrieb sie meinem Sohn, sie vermisse ihr Baby. Ist das nicht hart? Aber ich bin auch froh, dass sie das so spürt und so ausdrücken kann.“

Die Autorin hatte ihrem Sohn (17 J.) und dessen Freundin (13 J.) angeboten, für das Baby zu sorgen. Aber für die junge Frau kam nur die Abtreibung in Frage.

(Stefanie)

Du fehlst und die Jahre vergehn,
ohne dass die Erde aufhört sich zu drehn.
Die Jahreszeiten ziehen durchs Jahr,
als ob dein Tod ein Traum nur war.

Dein Platz hier bleibt für immer leer,
weiterleben fällt uns (mir) oft so schwer.
Es bleiben so viele Fragen
und eine Trauerlast, kaum zu tragen.

Bedecke mit meiner Maske mein Gesicht,
die nicht von meinen Gefühlen spricht.
Lebe mit einer Panzertracht,
die die Seele unverletzlich macht.

Es verrinnen Stunden und Sekunden,
ohne dass die Zeit heilt meine Wunden.
Ich werde Dich nie vergessen und du hast immer einen Platz in meinem Herzen.

(Anna)

Auf einer Familienfeier ereilte es mich wieder. Ich musste plötzlich anfangen zu weinen. Was war passiert?

Eigentlich war ich selbst schuld. Ich fragte meine Verwandte, welche das zweite Kind erwartete, ob sie sich noch ein drittes Kind vorstellen könnte. Sie erwiderte ahnungslos: „Natürlich! Wir nehmen es so, wie es kommt.“ Das traf mich mitten ins Herz! Meine Tränen kullerten und alle in meiner Nähe schauten mich erstaunt an. Sie ahnten nicht, was gerade in mir vorging.

Vor langer Zeit hatte ich mein drittes Kind abtreiben lassen. Meine beiden anderen Kinder waren damals sehr klein, mein Mann weit weg beim Studium. Keiner griff mir unter die Arme. Ich fühlte mich einfach überfordert! Meinem Mann erzählte ich damals nichts von der Schwangerschaft und von meinem Entschluss, denn ich wollte ihn nicht belasten. Er sollte den Kopf frei haben für das Studium.

Wir bekamen später noch ein Kind, aber es überkam mich eine tiefe Traurigkeit. Jedesmal, wenn einer das dritte Kind erwartet, kann ich mich nicht mitfreuen. Es ist eine Qual für mich, das zu hören! Mein Sohn hat drei Kinder und immer, wenn meine Enkelkinder zu Besuch sind, bilde ich mir ein, das dritte Kind schaut mich skeptisch und fragend an. So, als wolle es wissen: Warum hast du das getan?

Zum Verrückt werden! Wann hört das endlich auf? Werde ich jemals Frieden finden?

(Paula)

Wenn man mich sieht, sieht man eine Frau, die ihr Leben nicht im Griff hat. Ich habe vier Kinder. Der Jüngste ist von meinem jetzigen Mann. Unser Haus sieht unordentlich aus. Ich schaffe es einfach nicht aufzuräumen. Ich liebe meine Kinder, aber es fällt mir schwer mich um sie zu kümmern. Sie machen mir viele Sorgen. Sie haben Schwierigkeiten in der Schule und im Kindergarten.

Und wie sieht es in mir aus? Ich weine keine Träne, aber in mir ist alles wund vom Weinen. Vor diesen vier Kindern hatte ich eine Abtreibung. Ich war damals jung, vielleicht 19. Meine Eltern hatten beschlossen, dass ich abtreiben soll. Ich konnte mich nicht wehren. Mein Freund erfuhr gar nicht davon. Als ich von der Narkose erwachte, weinte ich! Ich stürzte mich in meine Ausbildung und lernte und lernte. Innerlich zerriss es mich.

Ich habe dann schnell einen Mann geheiratet und drei Kinder bekommen. Das ging nicht gut. Wir trennten uns. Das vierte Kind habe ich von einem anderen Mann. Ich kann morgens kaum aufstehen und nachts nicht schlafen. Meine Eltern, die in der Nähe wohnen, helfen viel.

Wenn ich zurück blicke, sehe ich mich als kleines Mädchen. Auch damals habe ich mich schon gefühlt, als sei etwas falsch. Mit zehn Jahren missbrauchte mich mein Onkel. Keiner stand zu mir! Neulich erzählte mir meine Mutter, dass sie, als ich zwei Jahre alt war, ein Kind abgetrieben hat. Das war entweder meine Schwester oder mein Bruder. Bin ich schon deshalb immerzu traurig, weil mir mein Geschwisterchen fehlt?

Inzwischen habe ich schon zwei Therapien gemacht. Aber wirklich besser geht es mir nicht!

(Tilli)

„Ich habe mich auf Gynäkologie spezialisiert. Meine Erwartung war, zu operieren, Frauen zu entbinden, Kaiserschnitte und Abtreibungen zu machen.

Mit einem Kollegen war ich dann 20 Jahre hindurch vor allem zuständig, Abtreibungen durchzuführen. Ich mochte das nicht besonders. Aber man musste es tun.

Langsam aber entwickelte sich in mir ein Widerstand. Ich begann zu verstehen, dass da etwas nicht stimmte: Wie konnte ein Mensch erst durch den ersten Schrei lebendig sein? Als wir Ultraschall bekamen, sah ich, wie das Ungeborene am Daumen lutschte. Und bei Abtreibungen sehe ich dann diese Hand auf meinem Tisch – zerrissen! Es konnte nicht sein, dass das Leben erst mit dem ersten Schrei beginnt.

Eines Tages hatte ich wieder eine Abtreibung durchzuführen: Zunächst ziehe ich etwas heraus, eine Hand – wie üblich. Lege sie auf den Tisch. Da plötzlich: Etwas Jod auf dem Tisch, das den Nerv reizt. Die Hand beginnt sich zu bewegen. Mein Gott! Nachdem ich mit der Zange das Kind weiter zerschnitten hatte, nehme ich einen Fuß heraus, will ihn so legen, dass nicht dasselbe wie mit der Hand passiert. Hinter mir stolpert jedoch die Hebamme und lässt alles fallen, was sie in der Hand hat. Ich erschrecke, der Fuß entgleitet mir, kommt genau neben der Hand zu liegen. Und wieder dieselbe Reaktion: auch der Fuß bewegt sich.

Als ich das nächste Mal etwas herausnehme, ist es das Herz – und es schlägt noch! Schwächer und schwächer, bis es stillsteht. In diesem Moment begreife ich, dass ich einen Menschen getötet hatte. Wie im Traum höre ich dann, dass die Hebamme, die mir assistierte rief: “Stojan, was ist mit Ihnen, was ist los!“ In dem Moment, als die Hebamme nach dem anderen Arzt ruft, erwache ich aus meinem Entsetzen. Und ich beginne zu beten: “Lieber Gott, ich weiß, in welcher Scheiße ich da hocke. Aber hilf jetzt dieser Frau.“

Und ich kann diese Abtreibung in erstaunlich kurzer Zeit beenden. Diese Abtreibung war meine letzte. Seit damals kämpfe ich gegen die Abtreibung und bemühe mich, Frauen von Abtreibungen abzuhalten. Jetzt passiert es mir ab und zu, dass mir in Belgrad Frauen über den Weg laufen, die mich ansprechen und sagen: “Herr Doktor, schauen Sie das Kind an: Das haben Sie gerettet!“ Wenn ich vor Gott treten werde, hoffe ich, dass Er mir wenigstens das zu meiner Rettung zugute halten wird.“

Quelle: Vision 2000 Nr. 6/2004 Stoján Adasevic, am 01.06.2004